Wie passen Klimaschutz und Reisen zusammen?

Klimaschutz im Tourismus ist komplex. Wie unternehmerische Verantwortung, glaubwürdige Klimaschutzprojekte und langfristige Partnerschaften dabei zusammenwirken können, zeigt die Zusammenarbeit von Wikinger Reisen und myclimate. Im Interview sprechen wir mit Benno von der Dovenmühle, unserem Ansprechpartner bei myclimate, über die Anfänge unserer Kooperation, hohe Qualitätsansprüche an wirksamen Klimaschutz, den bewussten Umgang mit Emissionen im Flugtourismus und darüber, warum transparente, wirkungsvolle Projekte – wie der Zugang zu sauberem Trinkwasser in Uganda – weit über CO₂-Reduktion hinausgehen. Ein Gespräch über Verantwortung, Vertrauen und den Anspruch, Nachhaltigkeit ganzheitlich zu denken.

Das Interview geben:

Wie passen Klimaschutz und Reisen zusammen?
  • Benno von der Dovenmühle, Corporate Partnerships Manager, myclimate Deutschland gGmbH
  • langfristige Betreuung und Entwicklung der Zusammenarbeit im Sinne eines Key Accounts / KAM & Sales für Sport, Hotellerie & Tour Operator
  • Mein Highlight der Zusammenarbeit in 2025: Vertrauensvoller und offener Austausch. Grundsteinlegung für die Erweiterung unserer Zusammenarbeit um die Fernreisen, die nun ab diesem Jahr Gültigkeit haben.


Wie passen Klimaschutz und Reisen zusammen?
  • Christian Schröder, Teamleitung Qualitäts- und Nachhaltigkeitsmanagement, Reiseleiter-Referat, Wikinger Reisen GmbH
  • Repräsentant und Interessenvertreter des Auftraggebers Wikinger Reisen GmbH / Integration des Projekts in die Nachhaltigkeitsstrategie von Wikinger Reisen.
  • Mein Highlight der Zusammenarbeit in 2025: Verleihung des myclimate Award 2025 auf der ITB.


1. Wie kam es zur Zusammenarbeit zwischen myclimate und Wikinger Reisen?

C.S. – Wikinger Reisen suchte nach einem renommierten Partner für den Ausgleich der klimaschädlichen Emissionen seiner angebotenen Flugreisen. Das Team von myclimate verstand sehr schnell die Herausforderung und machte Vorschläge, die zu unseren Bedürfnissen passten. Herausfordernd war aus unserer Sicht das Volumen des Auftrags. Wir standen vor der Schwierigkeit, einen wirksamen Klimaschutzbeitrag für ca. 48.000 Tonnen Treibhausgasemissionen pro Jahr bei steigender Tendenz zu finden. Hierbei war uns myclimate mit ihrer Expertise eine große Hilfe.

B.v.d.D. – Ich erinnere mich noch gut an die Anfänge unserer Zusammenarbeit. Damals begann ich meine Arbeit bei myclimate und meine Teamleiterin stellte mir Wikinger Reisen und deren Engagement vor. Besonders war und ist, dass Wikinger Reisen die berechneten Klimabeiträge bei allen Flugreisen in den Reisepreis inkludiert. Damals wie heute ein starkes und klares Zeichen von Verantwortung.


2. Welche Zielsetzung hatten wir zu Beginn der Kooperation?

C.S – Das Thema CO2-Kompensation ist komplex und in Teilen umstritten. Von daher war es uns wichtig, ein Projekt zu finden, welches die höchstmöglichen Ansprüche erfüllt, um als Klimaschutzbeitrag wirksam zu sein. Um diesen Qualitätsanforderungen zu genügen, sollte das Projekt vom Gold Standard ausgezeichnet sein. Die international anerkannte gemeinnützige Organisation ermöglicht eine genaue Messung der Auswirkung von Projekten und deren Klimaschutzbeiträgen. Ein weiterer Aspekt sollte sein, dass das von uns geförderte Projekt zur Einsparung von CO2 möglichst viele Zielvorgaben der Vereinten Nationen für eine nachhaltige Entwicklung (SDGs) abdeckt. Wir haben uns letztlich für die Unterstützung des Projekts „Sauberes Trinkwasser für Schulen und Haushalte durch Filtersysteme in Uganda“ entschieden, welches Gold Standard zertifiziert ist und sieben SDGs abdeckt.   

B.v.d.D. – myclimate arbeitet tagtäglich an ganzheitlichen Lösungen für den Klimaschutz und die Erreichung der Entwicklungsziele der Vereinten Nationen. Für uns ist es unabdingbar, Klimaschutz und Nachhaltigkeit so zu verbinden, dass wir einerseits unsere Erde schützen und andererseits die Lebensbedingungen der Menschen nachhaltig und positiv verändern. Als Unternehmen, das sich klar zu Verantwortung und Klimaschutz bekennt, ist die Auswahl der unterstützten Projekte von zentraler Bedeutung. Dabei geht es nicht nur um die Frage, welche Maßnahmen zum eigenen Profil passen, sondern auch darum, wie über den Klimaschutz hinaus der Gemeinschaftsgedanke gestärkt werden kann. Diese Fragen hat sich Wikinger Reisen bewusst gestellt und eine Projektauswahl getroffen, die in besonderer Weise dazu passt.

3. Was zeichnet unsere Zusammenarbeit heute besonders aus?

B.v.d.D. – Konkret gefällt mir der offene und transparente Austausch. Insbesondere mit Christian tausche ich mich regelmäßig aus. Bei Bedarf oder offenen Punkten telefonieren wir und besprechen Details zur Partnerschaft. Besonders schätze ich seine Weitsicht und Erfahrung aus seiner jahrzehntelangen Tätigkeit bei Wikinger Reisen. Ich spüre seinen besonderen Blick auf das große Ganze, was uns schon einige Male weitergebracht hat.

C.S. Das kann ich nur zurückgeben. myclimate hat unsere Vision erkannt und uns bei der Umsetzung unterstützt. Der gesamte Prozess war und ist wertschätzend, transparent und lösungsorientiert.


4. Warum ist das Thema Klimaschutz nach wie vor so wichtig, und welches Bewusstsein möchten wir damit schaffen?

C.S.: Solange kein nachhaltiges Flugbenzin (SAF) in ausreichender Menge zur Verfügung steht, bleibt ein Klimaschutzbeitrag zur Reduzierung des weltweiten CO2-Ausstoßes die einzige Möglichkeit, den umweltbelastenden Aspekten des Fliegens etwas entgegenzusetzen. Die Wirtschaft des globalen Südens ist vom Tourismus abhängig. Ohne Flüge ist Tourismus jedoch unmöglich. Ein Baustein zur Auflösung dieses Widerspruchs ist intelligenter Klimaschutz. Die UN weisen darauf hin, dass 4 Billionen Dollar fehlen, um die globalen Entwicklungsziele zu erreichen. Ohne ein verstärktes Engagement der Privatwirtschaft wird es nicht gelingen, diese Finanzierungslücke zu schließen.  Zertifizierungsbemühungen leiden nach unserer Wahrnehmung unter einem Vertrauensverlust. Umso wichtiger ist es, dieses Vertrauen wiederherzustellen, indem man Projekte vorantreibt, die glaubwürdig sind und wirken.

B.v.d.D.: Der hier angesprochene Vertrauensverlust ist in den letzten Jahren vor allem dadurch entstanden, dass ein geringer Teil der Klimaschutzprojekte die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt hat. Mangelnde Transparenz, unzureichende Zusätzlichkeit, unklare Wirkungsnachweise sowie uneinheitliche Standards haben dazu geführt, dass Zertifizierungen zunehmend kritisch hinterfragt werden. Gleichzeitig hat die öffentliche Debatte um Greenwashing das Vertrauen weiter geschmälert. Gerade deshalb ist es entscheidend, den Fokus wieder konsequent auf die tatsächliche Wirkung von Projekten zu legen – ökologisch, wirtschaftlich und sozial.

C.S.: Ein ganz entscheidender Faktor, den Benno hier anspricht. Klimaschutz, wie wir ihn verstehen, trägt nicht nur zu einer Stabilisierung der Umwelt bei, sondern verbessert konkret die Lebensbedingungen der Bevölkerung des globalen Südens. Sinnvolle Klimaschutzprojekte berühren Aspekte, die vielen Reisenden nicht bewusst sind, z.B. den Zusammenhang von sauberem Trinkwasser und der Abholzung von Wäldern.

B.v.d.D.: Gerne würde ich diesen Punkt am Beispiel des ausgewählten Klimaschutzprojekts näher erläutern. In Uganda kochen rund 40 Prozent der Bevölkerung das Trinkwasser ab und noch ein größerer Teil behandelt das Wasser gar nicht. Zusätzlich ist der Einsatz von Holz zum Kochen und Wasserabkochen einer der Hauptgründe für die weltweite Abholzung. Das Verbrennen von Holz schädigt nicht nur die Umwelt, sondern ist auch schlecht für die Gesundheit. Das Projekt fördert den Zugang zu diversen Wasserfiltertechnologien für Schulen und anderen Institutionen, wodurch Brennholz eingespart und die Wälder geschützt werden.

5. Welche Ziele haben wir für die Zukunft unserer Partnerschaft?

C.S. Herausfordernd ist für Wikinger Reisen die Verzahnung der wichtigsten Nachhaltigkeitsaktivitäten des Unternehmens:

  • Die Georg Kraus Stiftung, die 20 % der Firmenanteile hält und den ausgeschütteten Gewinn in Entwicklungshilfeprojekte im globalen Süden reinvestiert.
  • Quizapú: Die Finanzierung und der Schutz eines 2.040 Hektar großen Wildnisgebiets in Chile.
  • Sauberes Trinkwasser in Uganda: Unser gemeinsames Projekt mit myclimate.

Es wird spannend sein, herauszuarbeiten, welche Synergien die drei Aktivitäten entwickeln können und welche Ergänzungen es braucht, um daraus ein in unseren Augen stimmiges Nachhaltigkeitskonzept transparenter darzustellen. Dazu bedarf es einer glaubwürdigen Öffentlichkeitsarbeit und einem Partner, der genau in diesem Bereich über die notwendige Reputation verfügt. Von daher sehen wir ein großes Potential mit Wikinger Reisen als Marktführer für Wanderreisen und myclimate als führende Klimaschutzorganisation, Nachhaltigkeitsherausforderungen im Tourismus in einem größeren Rahmen darzustellen.   

B.v.d.D.- Wir stehen noch am Anfang unserer Reise. Was mich sehr freut, ist, dass Wikinger Reisen als Unternehmen wahrgenommen wird, das Verantwortung übernimmt und neue Wege geht. Dies zeigt sich einerseits in den hier vorgestellten Projekten, andererseits im aktiven Wissenstransfer an die Reisenden. Durch gezielte Sensibilisierung schafft Wikinger Reisen Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Dass dieses freiwillige Engagement gut ankommt und wahrgenommen wird, ist toll.

Gemeinsam hinterfragen wir in unsere Partnerschaft und unser Handeln kontinuierlich und diskutieren neue Ansätze – etwa die Möglichkeit, künftig alle Reiseaktivitäten mit einem Klimabeitrag zu verbinden. Dabei geht es uns keineswegs um das Versprechen des „klimaneutralen Reisens“, sondern um einen bewussten Beitrag, der den Erhalt der Natur unterstützt und den Menschen vor Ort zugutekommt.

Hagen, 15.01.26