Lettland ist für mich mehr als nur ein Reiseziel. Vor einigen Jahren habe ich in Riga ein Auslandssemester verbracht – und die Stadt, das Land, die Leute sind mir in dieser Zeit ziemlich ans Herz gewachsen. Vor Kurzem war ich wieder dort – mit frischem Blick, aber vertrautem Gefühl. Vieles hatte sich verändert, einiges war geblieben. Und wieder wurde mir klar: Lettland hat eine stille, unaufgeregte Art, einen zu faszinieren.
Das kleine Land im Nordosten Europas ist einer der drei baltischen Staaten und eignet sich sowohl für eine eigene Reise als auch als Teil einer Baltikum-Rundreise. Zwischen Ostseestrand, alten Burgen, Jugendstilarchitektur und stillen Nationalparks entfaltet sich ein Land, das mehr zu bieten hat, als viele vermuten. Hier kommen meine persönlichen Eindrücke und Tipps.
Riga – Altstadtflair & Jugendstil
Riga ist für viele der erste Kontaktpunkt mit Lettland – und das zu Recht. Die Hauptstadt ist historisch, ohne angestaubt zu wirken. Lebendig, ohne laut zu sein. In der Altstadt (Vecrīga) verliert man sich zwischen Kirchen, Märkten und historischen Fassaden – und findet dabei immer wieder neue Lieblingsorte. Ich erinnere mich gut an meine ersten Tage dort: Ich lief ohne Plan durch Vecrīga, und war plötzlich mittendrin in einem Bilderbuch aus Kopfsteinpflaster, kleinen Gassen und mittelalterlichem Ambiente. Eindrucksvoll sind Klassiker wie das Schwarzhäupterhaus, das „Katzenhaus“ oder der Dom.





Auch ein Spaziergang durch das Jugendstilviertel im Stadtteil Centrs ist ein Muss – Riga gilt nicht umsonst als eine der weltweit wichtigsten Jugendstilstädte. Die Alberta iela ist wohl eine der bekanntesten Straßen und begeistert mit verspielten Fassaden, floralen Ornamenten und kunstvollen Eingängen. Hier fühlt man sich fast wie in Paris.




Aber wenn man mich fragt, welche die schönste Straße in Riga ist, dann sage ich: Miera Iela. Etwas abseits gelegen, aber voll von kreativer Energie. Hier trifft Vintage auf Cafékultur, und die Stadt zeigt ihre moderne, unabhängige Seite.

Nicht viele besuchen bei einem Riga-Urlaub die Lettische Nationalbibliothek auf der anderen Seite der Daugava – dabei lohnt sich der Weg. Das Gebäude beeindruckt nicht nur architektonisch, sondern bietet auch einen großartigen Blick auf die Altstadt. Ein weiterer ungewöhnlicher Ort auf der linken Flusseite ist der Kalnciema-Markt: kleine Holzhäuser, Designstände, lokale Produkte – und jeden Samstag ein Markt mit Livemusik, Streetfood und Handgemachtem. Hier erlebt man Riga sehr lokal, sehr entspannt.




Für alle mit Interesse an Perspektivenwechsel: Von der Aussichtsplattform der Akademie der Wissenschaften – auch „Stalins Geburtstagskuchen“ genannt – hat man einen großartigen Blick über die ganze Stadt. Besonders zum Sonnenuntergang empfehlenswert.

Zwischen Hanse und Sowjetunion: Lettlands Geschichte
Lettland hat eine bewegte Geschichte: Unter verschiedenen Mächten war es lange Teil größerer Reiche – z. B. als „Livland“ in der Hansezeit oder als Teil der Sowjetunion. Erst 1991 wurde Lettland wieder unabhängig. Diese Vergangenheit ist vielerorts spürbar, unter anderem am beeindruckenden Freiheitsdenkmal.
Ein weiterer interessanter Ort ist das Museum der Okkupation in Riga. Dort wird die Geschichte Lettlands im 20. Jahrhundert kompakt und eindrucksvoll aufgearbeitet. Noch persönlicher berührt hat mich das Žanis-Lipke-Memorial – ein stiller Ort, der an Zivilcourage erinnert und an das, was Menschen in dunklen Zeiten füreinander getan haben.


Naturparadies Lettland – Nationalparks & Wanderwege
Über 50 % Lettlands sind bewaldet – was man spätestens merkt, wenn man das erste Mal aus Riga rausfährt. Zwischen Flüssen, Mooren und Seen gibt es hier viel Platz zum Wandern, Durchatmen und Staunen. Dass die Natur in Lettland mehr ist als nur Kulisse, spürt man schnell. Besonders bei Festen wie Jāņi, dem Mittsommerfest, zeigt sich die tiefe Naturverbundenheit der Letten: Man trägt Blumenkränze, feiert draußen am Feuer und folgt alten Bräuchen, die eng mit den Jahreszeiten verbunden sind. Auch heute noch sammeln viele Letten jedes Jahr Pilze und Beeren. Lettlands Wälder sind mehr als Erholungsraum – sie sind Teil der kulturellen DNA.
Wie viele Nationalparks hat Lettland? Insgesamt sind es vier – der bekannteste ist der Gauja-Nationalpark, rund eine Stunde von Riga entfernt. Mit seinen Sandsteinfelsen, Burgruinen und endlosen Wäldern ist er ideal für Tagesausflüge und Wanderungen. Ein Ort, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist, liegt mitten im Gauja-Nationalpark: Sigulda. Die kleine Stadt ist nicht nur hübsch gelegen, sondern auch ein perfekter Ausgangspunkt für Wandertouren und Ausflüge. Aufgrund der malerischen Landschaft wird Sigulda sogar manchmal als „Lettische Schweiz“ bezeichnet.

Von hier aus ist es nicht weit zur Burg Turaida – ein roter Backsteinbau aus dem 13. Jahrhundert, der über dem Flusstal thront. Der Ausblick von dort ist besonders im Herbst spektakulär, wenn sich die Wälder in allen Farben färben.

Für alle, die lieber in Stadtnähe bleiben, ist der Mežapark im Norden von Riga ein guter Kompromiss: Wald, See, Zoo, Villen. Alle fünf Jahre verwandelt sich der Mežapark übrigens in ein Zentrum der Emotionen und Gemeinschaft: Dann findet dort das Lettische Lieder- und Tanzfest statt – eines der größten Chorfestivals der Welt und Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Zehntausende Menschen singen und tanzen gemeinsam – ein beeindruckendes Erlebnis, das tiefe Einblicke in die lettische Kultur gibt.

Jūrmala – Ostsee und Bäderarchitektur
Wie weit ist Riga vom Meer entfernt? Gar nicht weit – gerade einmal 30 Minuten mit dem Zug. Und damit ist Jūrmala, der bekannteste Badeort Lettlands, auch für einen Tagesausflug ideal. Ist Jūrmala einen Besuch wert? Auf jeden Fall. Hier gibt es nostalgische Holzhäuser im Jugendstil, lange Holzpromenaden und Pinienwälder bis an den Strand. Im Sommer lädt das Wasser zum Baden ein, im Frühling und Herbst zum langen Spazierengehen am Strand.


Wer etwas mehr Zeit mitbringt, kann von Jūrmala aus auch gut kleine Wanderungen oder Radtouren ins Hinterland unternehmen – etwa ins Kemeri-Naturschutzgebiet mit seinen Moorlandschaften und hölzernen Bohlenwegen.



Kuldīga – Kopfsteinpflaster und Europas breitester Wasserfall
Wer Lettland abseits der bekannten Routen entdecken möchte, sollte einen Abstecher nach Kuldīga einplanen. Die kleine Stadt im Westen des Landes ist bekannt für ihre gut erhaltene Altstadt, den historischen Backsteinviadukt – und vor allem für den breitesten Wasserfall Europas, den Ventas Rumba. Beeindruckend in der Breite – aber bescheiden in der Höhe: Mit gerade einmal zwei Metern schafft er es trotzdem, Besucher zu faszinieren. Besonders schön ist ein Spaziergang entlang der alten Mühle und der Uferpromenade.

Zweimal im Jahr wird es am Venta-Wasserfall lebendig: Wenn die Lachse flussaufwärts ziehen, scheint das Wasser selbst in Bewegung zu geraten. In kleinen, glänzenden Bögen springen die Fische gegen die Strömung an – ein stilles Schauspiel der Natur, das man fast übersehen könnte, wäre es nicht so eindrucksvoll.
Kuldīga ist ideal für alle, die entschleunigen wollen: Hier geht es gemächlich zu, mit viel Charme und wenigen Touristen – ein echter Geheimtipp auf einer Baltikum-Rundreise.
Kulinarisch unterwegs in Lettland
Die lettische Küche ist bodenständig, regional und oft besser als erwartet. Wer bei einer Lettland-Reise Riga besucht, sollte unbedingt in den Zentralmarkt gehen – allein die riesigen Zeppelin-Hallen sind beeindruckend. Dort gibt es zahlreiche Leckereien: Fisch, Beeren, Pilze, Gebäck, Honig, Schwarzbrot– alles frisch, ehrlich, lokal.


Besonders empfehlen kann ich:
Knoblauchbrot (Kiploku grauzdini): Geröstetes Schwarzbrot mit ordentlich Knoblauch, so knusprig und würzig, dass man fast nicht aufhören kann.
Kārums: Ein süßer Quarkriegel mit Schokoglasur. Ein lettischer Klassiker und der perfekte Snack für unterwegs. Gibt es in zahlreichen Sorten. Meine Favoriten: Blaubeere, Kokos und Mohn.
Riga Black Balsam: Der berühmte Kräuterlikör. Pur etwas gewöhnungsbedürftig, aber in Cocktails oder heißer Schokolade sehr lecker.

Praktische Tipps für deine Lettland-Reise
Anreise: Der Flughafen Riga wird von vielen deutschen Städten direkt angeflogen. Alternativ lohnt sich auch die Anreise per Bahn oder Bus über Litauen oder Estland – besonders, wenn man eine Baltikum-Rundreise plant.
Beste Reisezeit: Die beliebteste Zeit für eine Lettland-Reise ist zwischen Mai und September – dann sind die Tage lang, das Wetter mild und die Natur in voller Blüte. Der Herbst bietet bunte Wälder und ruhige Städte. Auch im Winter ist Lettland eine Reise wert: Besonders Riga und Sigulda sind für Weihnachtsmärkte und Schneespaziergänge interessant.



Sprache: Die Amtssprache ist Lettisch. In touristischen Bereichen wird gut Englisch gesprochen, teilweise auch Russisch. Aufgrund der Geschichte sprechen einige Lett:innen auch Deutsch.
Währung & Preise: In Lettland wird mit dem Euro bezahlt. Die Preise sind insgesamt etwas günstiger als in Westeuropa.
Fazit: Lettland – still, vielseitig und unterschätzt
Lettland gehört für mich zu den unterschätzten Höhepunkten im Baltikum. Ob als Stopp auf einer Rundreise durchs Baltikum, als Ziel für Naturfans oder für alle, die Lust auf eine europäische Hauptstadt abseits des Mainstreams haben – das Land hat viele Gesichter.
Ich bin froh, zurückgekehrt zu sein. Und ich bin sicher: Es war nicht das letzte Mal.
Und wann entdeckst du Lettland für dich?
PS.: Lettland und die Nachbarstaaten Litauen und Estland lassen sich übrigens auch hervorragend mit dem Rad erkunden. Flache Strecken, wenig Verkehr und abwechslungsreiche Landschaften machen das Radreisen hier besonders angenehm.